Ein Dorf macht Theater

Eine Webreportage des Nordbayerischen Kuriers

Das Dorf

Das Dorf Aufseß liegt abgeschieden, aber  idyllisch im Herzen der Fränkischen Schweiz. 47 Schlösser hat es hier im Laufe der Zeit gegeben – und vier Brauereien. Die Schlösser sind heute größtenteils Ruinen, den Brauereien geht’s bestens. Weil Aufseß bloß 1.300 Einwohner hat, ist das Brauerei-pro-Einwohner-Verhältnis rekordwürdig. Seit 2000 hat das Dorf seinen eigenen Eintrag im Guiness-Buch.

Aber Aufseß ist mehr als Brauereien und Bierwanderweg. Viel mehr. Und viel älter. Spuren erster Siedler lassen sich bis ins vierte Jahrtausend vor unserer Zeit nachweisen. Das milde Klima, der Fluss Aufseß und die abgeschiedene Lage machen die Region seit frühester Zeit zu einem begehrten Siedlungsplatz.

Aufseß – pardon: Ufsaze – wird erstmals in einer Urkunde aus dem Jahr 1114 erwähnt, und zwar im Namen des Herolds von Ufsaze. Die Gemeinde in ihrer heutigen Form entstand mit dem Gemeindeedikt des Jahres 1818.

Aber das soll hier kein trockener Geschichtsunterricht sein. Um Ihnen einen kleinen Eindruck von der wechselhaften Geschichte des Ortes zu vermitteln, haben wir bedeutende Episoden gesammelt.

 

Klicken Sie auf die Symbole in der Karte und lassen Sie sich die Geschichte(n) von Aufseß erzählen.

So wenig Raum, und so viel Geschichte.

2014 feiern die Aufseßer die 900-jährige Erstnennung ihres Ortes. Mit Veranstaltungen vom 1. Januar 2014 (Festsitzung) bis zum 31. Januar 2015 (wieder Festsitzung). Ein Jahr lang.  Mit Ausstellungen historischer Bilder und Dokumente. Mit Konzerten, Wanderungen, Festgottesdiensten. Und noch mehr Konzerten.

Klingt nett? Das dachten die Aufseßer sich auch.

Und sie dachten: Das reicht uns nicht.

Noch lange nicht.

Die Idee

Wie die Idee zum Stationentheaterstück entstanden sei? Uhh. Mmh. Ludwig Bäuerlein denkt nach. Naja, sagt er, das muss im Sommer gewesen sein. Im Urlaub. Wenn ihn nicht alles täusche, dann sei seine Frau auf die Idee gekommen. Ein Theaterstück zum Jubiläum, in dem die Dörfler die Geschichte ihres Ortes nachspielen – das hätte doch was, oder? Der Bürgermeister von Aufseß war sofort begeistert und fing an, andere anzustecken. Zum Glück wohnt unter den Aufseßern einer, der sich das Theater zum Beruf gemacht hat.

Jan Burdinski. Er leitet den Fränkischen Theatersommer – ein Projekt, das jeden Sommer Theater in die Region bringt, auf entlegene Dörfer und alte Schlösser, in Scheunen und auf Plätze. Als Burdinski vom Plan der Bäuerleins hört, zögert er nicht. Schließlich ist Aufseß eine Art bewohntes Freilichtmuseum. Geschichte ist in Fülle vorhanden. So viel, dass es jemanden braucht, der die Geschichten aufschreibt, der sie bewahrt.

Dietmar Stadter. Er ist so etwas wie das Gedächtnis des Ortes. Keiner weiß besser als Stadter, welcher Acker wann zu welchem Grundstück kam. Oder welchem Ereignis ein Feldweg seinen Namen verdankt. Seit Jahrzehnten trägt Stadter alles zusammen, was über die Geschichte seines Ortes herauszufinden ist. Bücher und Handschriften, Urkunden und Stiche, alte Karten und vergilbte Fotografien. Längst umfasst seine Chronik mehrere tausend Seiten.

Diese Chronik bringt Dietmar Stadter zu Jan Burdinski. Der filtert, kürzt und destilliert, bis zehn Szenen übrig bleiben. Die sollen die Aufseßer spielen. In Kostümen, an Originalschauplätzen, das ganze Dorf. Das Festwochenende um den 20. Juli soll das Jubiläum krönen.

Niemand zweifelt, dass die Idee großartig ist. Bloß: Ehe Bäuerlein, Stadter und Burdinski in die Vorbereitungen einsteigen können, gilt es,  eine entscheidende Frage zu klären: Finden sich im Ort genug Schauspieler? Aufseßer, die Lust haben auf wöchentliche Proben, auf Texte lernen und Lieder singen?

Und ob! Binnen weniger Tage melden sich zahlreiche Aufseßer – vom Grundschüler bis zum Rentner. Und es werden laufend mehr.

 

Klicken Sie auf die Bilder. Jeder Schauspieler hat seine ganz eigene Geschichte, warum er im Dorftheater mitmacht …

 



 

Kein Zweifel: Ein Projekt, bei dem Frankfurter mitmachen und Ur-Aufseßer, kann nur gelingen. Im Winter haben sie alle Bausteine zusammen, mit denen ein Theaterstück gelingen kann: Die wechselvolle Geschichte, historische Schauplätze, Schauspieler, den Text. Nur eines fehlt ihnen zu diesem Zeitpunkt.

Ein Regisseur.

Die Vorbereitungen

Sie kommt nicht aus Aufseß. Nicht einmal aus Franken. Angélique Verdel ist Holländerin, aber das merkt man nicht. Ihr Fränkisch ist ziemlich perfekt. Sie hat es sich hart erarbeitet. Mit einem Trick.

„Am Anfang habe ich mich in Kneipen gesetzt und die Leute heimlich aufgenommen. Dann habe ich später, in meinem Zimmer, vor dem Spiegel geübt.“ Es hat eine Weile gedauert, aber irgendwann, nach vielen, langen Abenden mit Aufnahmegerät und Spiegel, hat sie das Geheimnis des Fränkischen gelüftet.

Der Unterkiefer. Es kommt auf den Unterkiefer an. Den müsse man weit nach vorne schieben. „Schau“, sagt sie und macht es am Beispiel des Wortes „Kultur“ vor – ganz dumpf, ganz weich, ganz langsam: „Gulduaah.“

Einwandfrei.

Verdel ist seit einigen Jahren festes Ensemblemitglied beim Theatersommer. Laienschauspiel ist ihr Steckenpferd. Als Jan Burdinski über eine geeignete Regisseurin für das Aufseß-Stück nachdenkt, fällt seine Wahl sofort auf die Holländerin mit dem kastanienroten Haar.

Verdel stößt im Winter zu den Aufseßern. Im Januar beginnen die Proben.

Klicken Sie auf den Film, um zu erfahren, warum Angélique Verdel so gerne Laientheater macht.

 

 

Nach Franken ist die Holländerin übrigens über Umwege gelangt. Berlin, Brasilien und wieder Berlin. In einem Dezember habe ihre fränkische Mitbewohnerin sie mitgenommen nach Nürnberg. Christkindlesmarkt. Fachwerkhäuser. Posaunenchor. Das hat gereicht. Seit Jahren lebt Angélique Verdel in Franken, mittlerweile in Hollfeld, im Dachgeschoss einer ehemaligen Brauerei.

Die Aufseßer können sofort gut mit der Regisseurin. Die Truppe – anfangs nur eine Handvoll Theaterbegeisterter – wächst im Wochentakt, bald sind sie 30, dann 40, im Juli schließlich 50. Verdel beginnt mit einfachen Spielen zum Warmwerden: Sprechen. Bewegen. Spielen. „Das ist toll, wenn die Leute plötzlich eine ganz andere Seite von sich entdecken!“, sagt sie.

Die Aufseßer werden nicht einfach warm fürs Theater. Sie brennen dafür. Ehe Angélique Verdel sich versieht, haben die Dörfler Pferde aufgetrieben, eine Hängebrücke gebaut, Kostüme genäht.

Und sie entdecken ständig neue Seiten aneinander. Wie die Geschichte mit dem Henker. Der fehlt noch. Bloß haben sie keinen Schauspieler, der geeignet wäre, einen Henker zu spielen. „Wir haben darüber geredet, und plötzlich ging es los: Du, meinst Du nicht, dass der …? Der sieht doch aus wie ein Henker! Den müsste man mal fragen! Eine Woche später hatten wir unseren Henker!“ Außerdem: Blumenmädchen, Neandertaler, ein Bischof, Rittersleute, keifende Waschweiber und Narren.

 

 

Was im Januar mit zerknitterten Textbüchern, zittrigen Händen und reichlich Nervosität begonnen hat, sieht nach einem halben Jahr ziemlich gut aus. Die Schauspieler sind textsicher, der Chor beherrscht seine Lieder – und für den Fall der Fälle haben sie immer etwas von ihrem eigenen Schnaps, dem Dornheckenwasser, dabei.

Der große Tag kann kommen.

Der große Tag

900 Jahre sind vergangen, seit Aufseß erstmals schriftlich erwähnt wurde. Drei Jahre, seit die Dörfler begonnen haben, das Jubiläumsjahr zu planen.

Ein Jahr, seit die Bäuerleins sich das Stationentheater ausgedacht haben. Und sechs Monate, seit Angélique Verdel mit gut vierzig Laienschauspielern probt.

Am Sonntag, 20. Juli, wird das Stück erstmals aufgeführt. Vor hunderten Gästen, die eigens anreisen – darunter auch illustre Personen wie Bayerns Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein.

Die Aufseßer haben sich seit Wochen auf den Tag vorbereitet. Sie haben eigens eine Kehrmaschine bestellt, die die großen Straßen im Ort gesäubert hat. „Wir haben professionell putzen lassen“, sagt Bürgermeister Ludwig Bäuerlein. Er lacht jetzt öfter. Nicht, weil alles lustig ist, sondern, weil die Nervosität steigt. Es sind jetzt nur noch wenige Stunden. Alle sind sie nervös. Dietmar Stadter, der Witze erzählt. Angélique Verdel, die sagt, sie habe die beiden noch nie so aufgeregt gesehen.

Aber äußerlich ist alles in Ordnung. In den kleineren Straßen und Höfen haben die Aufseßer selbst gekehrt und geputzt. Der Ort hat sich fein gemacht.

 

 

 

An der Generalprobe haben hunderte Zuschauer teilgenommen. Alle waren sie neugierig. Weil das Schloss seit kurzem eine Zugbrücke hat. Weil das Schnapsgässla frisch gemäht ist. Weil an den Schauplätzen Rindenmulch liegt, dick wie ein Teppich.

Ein, zwei Versprecher hat es bei der Probe gegeben. Einer der Narren, die die Zuschauer leiten, wollte nach einer Szene falsch abbiegen. Und die Pferde haben gefehlt. Noch.

Aber die Zuschauer haben nichts gemerkt.

Der Plan ging auf: Aufseß hat sich selbst gespielt. 900 Jahre in nicht einmal zwei Stunden.

Aufseß steht kurz vor dem nächsten Rekord.

Am Samstag, 20. September 2013, machen die Aufsesser wieder Theater. Ab 17 Uhr, wenn der Kirchweihbaum steht. Ludwig Bäerlein, der Bürgermeister, sagt, er werde sich den Text vorher noch einmal ansehen. Aber eigentlich sitzt der noch. Bäuerlein freut sich. Er sagt, das Theater habe dem Ort viel gebracht. „Das Zusammenwachsen.“ Alte und neue Aufsesser. Junge und alte Aufseßer. Theater verbindet.

Impressum

Autor:

Christophe Braun

 

Konzept:

Christophe Braun und Tobias Köpplinger

 

Verantwortlich:

Joachim Braun

 

Umsetzung:

Joachim Kreisel, Udo Müller, Tobias Köpplinger

 

Videos:

Markus Künzel und Tobias Köpplinger

 

Bilder:

Tobias Köpplinger

 

Sprecher:

Christophe Braun
Kontaktinfo

0921-294294

webreportage@kurier.tmt.de

Theodor-Schmidt-Straße 17, 95448 Bayreuth